Kooperationskontingent – ab 16h ist Schluss!

2016-04-09 10.38.03Kinder wollen kooperieren. Immer. Ich glaube fest daran. Aber es gibt einen Punkt, da können sie nicht mehr. Und wir Eltern müssen mitkriegen, wann es so ist.

Ich stelle mir immer vor, dass meine Kinder so eine Art Kooperationskontingent haben. Das ist die Menge an Kooperation, die den Kindern an diesem Tag von ihrem Gehirn zugeteilt worden ist (und ich hab das auch). Jedes Mal, wenn ich „Komm jetzt bitte“ sage und sie kommen, nehmen sie etwas von dieser Menge weg. Und irgendwann nachmittags gegen 16-17 Uhr ist es alle.

Je jünger Kinder sind, desto früher werden sie in der Regel abends müde. Mit dem Kooperationskontingent ist das ähnlich. Je jünger sie sind, desto früher ist es erschöpft. Und dann ist’s Essig mit Kooperation. Sie kommen nicht mehr, wenn ich darum bitte. Sie werden laut. Sie schmeißen mit Zeug. Sie streiten sich. Sie ziehen sich nicht die Schuhe an.

Für mich heißt das: Je jünger Kinder sind, desto eher antworte ich auf diese Situation mit Entgegenkommen. Ich gehe hin und hole die Kinder freundlich ab, statt sie zu rufen. Ich füttere sie. Ich trage sie (auch wenn sie schon sechs Jahre  als sind). Ich ziehe ihnen die Schuhe an. Und weiß: Kinder wollen kooperieren. Aber gegen halb sechs nach einem langen Tag an frischer Luft können sie es oft einfach nicht mehr.

Und dann gehen wir halt auch ungeduscht ins Bett, dann gibt es Turbo-Abendessen und wenn ich es total verplant habe, ist auch Zähne putzen am Ende nicht mehr so wichtig. Wichtig ist – Ruhe, Kuscheln, Körperkontakt, Mama-Da-Sein.

„Ab 16h sind sie kochgar“, sagte mir eine Interviewpartnerin kürzlich. Das trifft es gut. Dann hilft nur: Nachgeben, sanft sein, wie Wasser sein, loslassen, Full Service. Und morgen neu.

🙂

nicola

Eltern, gebt euch nicht selbst auf – schaut hin

Attachment Parenting hat mit Selbstaufgabe nichts zu tun. Wenn Eltern nicht auf sich achten, hat das andere Ursachen. 

In der Zeit erscheint von Caroline Rosales (UPDATE: bekannt vom Stadtlandmama-Blog – seit 3 Jahren nicht mehr dort aktiv – daher hier gestrichen) einen Artikel mit der verführerischen – und völlig korrekten – Überschrift „Eltern, gebt euch selbst nicht auf“.  Ich gehe da voll mit – bis zum Ende der Überschrift. Zum Rest des Textes ist so einiges zu sagen. Er sagt viel über den Prenzlauer Berg (ich bin selbst Berlinerin, Amen), aber wenig über Attachment Parenting. Es fängt an mit einer berührenden Selbsterkenntnis der Autorin, zum Zeitpunkt der Erzählung erschöpfte Mutter:

„Ich war isoliert und selbst schuld daran.“ Genau. Tut mir leid, Caroline, aber so ist es. Wir sagen das im Artgerecht-Projekt immer wieder: ALLEINE kann man das nicht schaffen. Das sage ich. Das sagt Herbert Renz-Polster. Das sagt die gesamte anthropologische Forschung zum Thema. Hast du sicher schon gelesen, Stichwort: „kooperativ aufziehende Art“.

Weiter gehts. Caroline benennt die Quellen – aber hat sie sie auch gelesen? „Der Begründer dieser Methode war der amerikanische Kinderarzt und achtfache Vater William Sears.“ Korrekt. Und der hatte mit Selbstaufgabe wenig im Sinn. Der schrieb auch darüber, wie man einen dauerstillendes Kind auf andere Gedanken bringt. Und zwar konsequent. Wie man genug Schlaf kriegt. (siehe „The Fussy Baby Book“).

13221705_1010025792384077_7529947437792757133_nEr schreibt in seinem Standardwerk „The Babybook“ über liebevolle Flaschenfütterung (ab S. 200). Auf S. 416-428 geht es darüber, wie Mütter Arbeit im Büro und AP verbinden können. Notabene: In den USA gibt es 12 (!) Wochen Maternity Leave, nicht 12 Monate Elternzeit.

„Eine komplette Symbiose mit seinem Kind einzugehen ist jedoch nicht nur unnötig anstrengend für die Eltern, sondern in den Augen von Kinderpsychologen schlicht pathologisch.“ Natürlich ist das so. Wer hätte daran gezweifelt? Aber wo steht, dass AP eine „komplette Symbiose“ mit dem Kind erfordert? In meinem Artgerecht-Babybuch nicht. Bei Julia nicht. Bei Nora nicht. Bei Herbert nicht. Liebe Caroline Rosales, Quellen bitte!

Und natürlich sind Babys auch anstrengend. Partner übrigens auch. Sogar mein Mac ist manchmal anstrengend. Das gehört einfach dazu. Das Problem ist nur, dass wir unter Umständen leben, die Babys EXTREM anstrengend werden lassen können. Aber das liegt nicht an den Babys. Und nicht an AP. Sondern an den Umständen.

Für wen AP „die Einstiegsdroge, das Ticket in die Hölle der Selbstoptimierung“ ist, der hat kein Problem mit AP. Sondern mit Perfektionismus. Und für diese Menschen ist AP sicher keine gute Idee. Das schreibe ich auch. Für diese Menschen ist aber auch glutenfreie Ernährung, Planking oder Yoga keine gute Idee. Sie übertreiben nämlich gerne mal alles. Das hat nix mit AP zu tun. Sondern mit der inneren Einstellung.

Und doch kenne auch ich das: „Ich erinnere mich an unzählige toxische Zusammenkünfte“ – ja, ich mich auch.  Und deshalb habe ich auch schon vor fast 10 Jahren geschrieben, dass AP nunmal nicht automatisch glücklich macht.

AP-MamaDie Erkenntnis aus all dem kann nicht sein: Yoga ist böse, weil man sich damit, wenn man es falsch betreibt, auch weh tun kann. Auch nicht: Veganes Essen ist oberböse, weil Eltern ihre Säuglinge mit Buchweizen zu ernähren versuchen und so umbringen.

Die Erkenntnis muss sein, was die alten Griechen schon vor 2000 Jahren wussten: Μηδὲν ἄγαν.Mēden agān.„Nichts im Übermaß!“

Das ist nur eine der drei apollonischen Weisheiten von Delphi. Die zweite ist Εἶ. „du bist“. Genau. Und deshalb dürfen auch Mütter mal alleine aufs Klo gehen. Oder eben ins Kino. Oder sogar arbeiten (zum Beispiel Bücher schreiben…weia…).

Die dritte apollonische Weisheit lautet übrigensΓνῶθι σεαυτόν „Erkenne dich selbst!.  Und hier liegt am Ende auch der Schlüssel für gesundes, maßvolles, bindungsfreundliches Attachment Parenting und eine gesunde Reflexion über das Thema. „Wir wohnten damals in Berlin-Prenzlauer Berg, der Papa kam erst spät abends nach Hause, und mein Sohn besuchte mit drei Jahren noch keinen Kindergarten“ – wenn ich merke, dass mir das zuviel ist, dann sollte ich mit meinem Mann sprechen, umziehen oder Kinderbetreuung an den Start bringen. Aber mich nicht über eine Methode beschweren, die für meine persönlichen Entscheidungen und fehlenden Grenzziehungen nichts kann. Denn am Ende sind wir für unser Leben alle selbst verantwortlich.

Deshalb steht im Artgerecht-Babybuch auf der letzten Seite: „Wer alles glaubt, was er liest, sollte besser nicht lesen.“ Wir müssen unseren Kopf selbst benutzen.  Hilft ja nix. Und dann findet euren Weg. Und lasst anderen ihren Weg.  Toleranz und Pluralismus – auch dafür plädiere ich schon lange.  Auch dafür steht in meinen Augen AP.

Eure Nicola

Was ist eigentlich „artgerecht“?! – Clan, Toleranz, Umweltschutz – und gesunde Babys

Herbert Renz-Polster hat auf seinem Blog diese Frage gestellt und da er unseren Begriff und unsere Bewegung ja sogar ins neue Menschenkinder-Buch aufgenommen hat, geht auch an uns die Frage: Was ist eigentlich artgerecht?

Artgerecht klingt für viele nach Dogma, nach Ideologie, nach Perfektionismus und Besser-Machen-Wollen. Wer mich – und uns – kennt, weiß, dass das nicht weiter entfernt von der Wirklichkeit sein könnte.

Ich habe schon vor sieben Jahren einen Artikel geschrieben zum Thema „Attachment Parenting funktioniert nicht“, der viel gelesen und kommentiert wurde. Dort steht genau das, was Herbert auch schreibt:

Es gibt keine Knöpfe, die wir drücken können und dann kommt ein perfektes Kind heraus. Attachment Parenting Germany hat in diesem Facebook-Beitrag über die „Haltung“ AP geschrieben – die ja auch nah an Artgerecht ist: Dass es eben eine Haltung ist – die ganz klar Toleranz beinhaltet, nämlich die Toleranz, dass jeder seinen Weg findet. Meine geschätzte Kollegin und Freundin Nora Imlau hat dazu bezüglich Stoffwindeln in diesem Blogbeitrag schön geschrieben, durch welche Emotionen wir Mütter gehen, wenn wir perfekt sein wollen. Und dass der Mittelweg häufig für alle viel gesünder ist als die Perfektion. Das vertreten wir auch hier bei Artgerecht. Windelfrei? Habe ich schon immer mit Windeln gemacht. Warum auch nicht? Und meine Kollegin Susanne Mierau schreibt auf ihrem Blog eine Hymne auf die „Alles -egal“-Freundinnen, die uns lehren, was wirklich wichtig ist.

Aber warum dann „artgerecht“? Warum dieses doch sehr klare Wort?

Weil es alles zusammenfasst, was wir tun:

Artgerecht hat als Ziel gesunde Kinderseelen:

Artgerecht - das andere Babybuch
Artgerecht – das andere Babybuch

Wir nehmen keine Säuglingspflege- oder Erziehungstipps an, ohne uns zu fragen: Was ist optimal für die mentale und körperliche Entwicklung unserer Kinder? Worauf sind sie evolutionär vorbereitet, was wird ihrer Art gerecht? Mir ist der erste Teil davon sogar noch wichtiger als der zweite. Denn es fragen ja ohnehin alle, was GESUND für die Kinder ist, meinen aber immer in erster Linie ihren Körper. Was aber ist mit der Seele? Könnte eine Woche ohne Zähneputzen zwar schädlich für den Körper (Karies!), aber gut für die Seele (kein Zahnputzkampf) sein? Bei Artgerecht ist es also immer eine Abwägung aus beiden – das ist mir sehr wichtig.

 

Artgerecht heißt, es gemeinsam zu tun:

Artgerecht Camp
Artgerecht Camp – Kreis der Frauen

Artgerecht heißt, dass wir eine kooperativ aufziehende Art sind – so sagt es die große Anthropologin Sarah Bluffer Hrdy schon seit vielen Jahrzehnten. Bisher waren ihre Worte wenig beachtet, bis Herbert und ich angefangen haben, das in die Breite zu tragen: Ihr müsst es nicht alleine schaffen! Dafür seid ihr nicht gemacht! Im Artgerecht-Projekt ist uns der Clan wichtig (deshalb bieten wir auch Wildniscamps an). Wir wollen Eltern helfen, zu verstehen, dass sie es nicht alleine schaffen müssen und die Möglichkeit geben, sich zu vernetzen, damit sie es auch nicht alleine schaffen müssen!

Artgerecht heißt, unser Zuhause zu schützen:

KINDBAUMArtgerecht heißt für uns auch, dass wir alles, was wir tun, auch daran messen, wie gut es für unseren Planeten ist. Egal wie gut ein neues Babyprodukt für das Kind sein mag – wenn es den Planeten schädigt, schädigt es langfristig auch dieses Kind. Daher legen wir immer großen Wert darauf, dass wir den Planeten im Blick behalten. Das heißt nicht, dass meine Kinder kein Lego bekommen. Aber das heißt, dass meine Kinder in Wildniscamps und am Wochenende im Wald lernen, dass alles zusammen hängt. Dass wir Teil eines Ökosystems sind, das wir schützen müssen, wenn wir überleben wollen.

Das ist artgerecht im Artgerecht-Projekt: Mentale Gesundheit in Familien, gemeinsames Großziehen der Kinder und Scutz des Planeten. Und wir wissen, dass Eltern in Grönland und Eltern in der Kalahari auch schon 10.000 Jahren ganz unterschiedliche Dinge mit ihren Babys gemacht haben. Das macht nichts. Menschenbabys kommen prima damit klar. Es gibt keinen Goldstandard. Aber ihre ureigensten Bedürfnisse müssen erfüllt sein. Dazu gehört auch, dass wir Erwachsenen ihr Zuhause schützen, in dem sie mal ihre Kinder großziehen.

Deshalb steht auf unseren T-Shirts von Anbeginn auch: Happy Families, Happy Planet.

Für Dogmatismus, Ideologie und Perfektionismus ist da kein Platz. Das würde uns nur behindern. Wenn wir wissen, dass jedes Familie ihren Weg finden muss. Wir wissen, dass jede Generation nur einen Schritt weiter gehen kann.

Aber das reicht. 4+ ist ausreichend! Wir müssen nicht perfekt sein. Ich bin es auch nicht.

Gut genugJulia ist es nicht. Keiner ist das. Und das macht nichts. Um es mit meinem Freund Lienhard Valentin zu sagen: Achtsam sein ist völlig ausreichend.

 

Eure Nicola

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Pampers gibt Erziehungstipps – rechtswidrig und grausam

lonely-604086_1280„Kinder im Stress brauchen kein Time-Out, sie brauchen allenfalls ein Time-In – einen Rückzug aus einer für sie belastenden Situation MIT einer Bezugsperson, die ihnen hilft, ihre starken Gefühle zu regulieren, die für sie da ist und ihnen Sicherheit gibt.“

Pampers gibt Erziehungstipps – aus Artgerecht-Perspektive ist dazu zu sagen: Was da empfohlen wird ist nicht nur grausam, es ist schlicht rechtswidrig und gesundheitsschädlich.

Pampers empfiehlt „leicht Form der Isolation“ als Erziehungmethode

Die Website ist schon aus dem Netz genommen, aber hier ist sie – hoffentlich noch immer im Cache „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“ und ansonsten ist hier ein PDF: Pampers über Auszeiten.

Aida S. de Rodriguez hat auf Elternmorphose bereits einen Artikel zur Grausamkeit dieser Empfehlungen veröffentlicht.
Herbert Renz Polster hat auf dem Kinder-verstehen-Blog ebenfalls Stellung bezogen: „Pampers erzieht jetzt mit“.

Der Artikel empfiehlt „Auszeit“ als Erziehungsmethode und beschreibt sie so: „Während der Auszeit findet keinerlei Kommunikation zwischen dem Elternteil bzw. der Aufsichtsperson und dem Kindstatt. Die Auszeit ist als eine abgeschwächte Form von Isolation zu verstehen.“

Pampers‘ Isolation von Kindern ist grausam – und gesetzwidrig

Kinder zu isolieren ist nicht nur grausam, menschenverachtend und keinen Kind zumutbar – es ist auch meiner Auffassung nach schlicht rechtswidrig: Im §1631 BGB „Inhalt und Grenzen der Personensorge“ steht klar und deutlich:
„(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Soziale Ausgrenzung ist für das Gehirn wie eine körperliche Bestrafung: Sie tut weh. Neurophysiologisch gesprochen: Sie aktiviert die gleichen Gehirnregionen. Im Spiegel-Artikel „Ausgrenzung tut weh“ nachzulesen. Warum reagiert unser System so „panisch“? Weil soziale Ausgrenzung als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wird – besonders bei Kindern hinterlässt sie massive Schäden (hier ein ZEIT-Artikel dazu). Natürlich geht es in den Studien dazu um „lange“ Isolation und nicht „ab und zu eine kleine Auszeit“. Aber mal ehrlich: Ich schlage mein Kind auch nicht „ab und zu“, nur weil es dazu keine Studien gibt, was das anrichtet, sondern nur Studien zu dauerhafter Misshandlung.

Soziale Ausgrenzung hilft nicht gegen Aggression – sie führt zu Aggression

Außerdem führt soziale Isolation oder Ausgrenzung ihrerseits zu – genau: Aggression. Ein interessantes – wenn auch für mich nicht uneingeschränkt zu übernehmendes – Buch zum Thema: „Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“, in dem Autor Joachim Bauer die These aufstellt, dass aggressives Verhalten immer eine Reaktion auf gefühlte Benachteiligung und Ausgrenzung ist.

Kinder brauchen Time-In -nicht Time-Out!

Karl Heinz Brisch hat auf einer Konferenz der WAIMH in Leipzig gesagt: „Die Kinder brauchen kein Time-Out, sie brauchen ein Time-In – einen Rückzug aus der Situation MIT einer Bezugsperson, die ihnen hilft, ihre starken Gefühle zu regulieren, die für sie da ist und ihnen Sicherheit gibt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

7 Schritte zurück ins Dorf – So gehts! – Familienkongress in Graz 2016

Nicola Schmidt - Familienkongress Graz - Artgerecht Babybuch
Ein Glas Wasser vor der Konferenz – meine erste Skype-Übertragung *aufgeregt*

Wir müssen zum Turnen, der Autoschlüssel ist nicht aufzufinden, das große Kind muss nochmal aufs Klo, das Kleine räumt gerade das Schuhregal aus, ich stolpere über einen Haufen Schleich-Pferde und wo zum Himmel ist mein Portemonnaie?! Als wir endlich entnervt beim Auto ankommen, grüßt ein Nachbar „Na, Sie haben ja auch immer frei?“ ARGH.

 

Unser Skype-Setting - so sah es bei mir aus
Unser Skype-Setting – so sah es bei mir aus

Nein, wir haben nicht „immer frei“.

Auch wenn wir nicht arbeiten, Familienmanager zu sein ist ein Vollzeitjob! Und ich wünsche mir so sehr, dass immer mehr Familien sich wieder zusammen tun, um Kinder gemeinsam großzuziehen. Es macht so vieles leichter.

Denn soviel Stress ist ungesund – im Vortrag erzähle ich genau, warum das so schädlich ist. Wir sehen dann nicht mehr, dass der Schlüssel direkt vor uns auf der Kommode liegt, dass es doch toll ist, dass das große Kind so zuverlässig Bescheid sagt und dass das Kleine gerade eine wichtiger Forschungsarbeit erledigt. Wir sind einfach nur gestresst. Und das schadet uns, unseren Kindern, unseren Familien – unserer Gesellschaft.

Als ich mit meinen Kindern einen Monat lang in einer Jäger- und Sammler-Simulation in Schweden „lebte“, stellte ich eines Tages fest: Wenn jetzt die anderen von ihrer Feuerholz-Suche nicht mehr nach Hause kommen, würden wir keine Woche hier überleben können. Sie kamen an dem Abend alle, aber ich hatte etwas Wichtiges gelernt: Alleine mit Kind oder Kindern wäre in den

Meine Karteikarten - werde ich die ALLE brauchen...?
Meine Karteikarten – werde ich die ALLE brauchen…?

vergangenen 120.000 Jahren immer eine Notsituation gewesen. Und so fühlt es sich für viele Familien auch an. Da beschloss ich: Das müssen Familien wissen! Eure Erschöpfung ist echt! Ihr habt nicht „immer frei“, weil ihr nicht arbeitet, es ist wirklich anstrengend! Und ich wünsche mir so sehr, dass immer mehr Familien sich wieder zusammen tun, um Kinder wieder gemeinsam großzuziehen.

Sieben Schritte zurück ins Dorf – Facebook, München, New York!

In meinem Buch artgerecht – Das andere Baby-Buch (Amazon -Partnerlink)

Familienkongress 2016 - so sahen es die Teilnehmer
Familienkongress 2016 – so sahen es die Teilnehmer

erkläre ich deshalb, wie wir sieben Schritte zurück ins Dorf gehen können. Denn das Dorf ist das, was wir brauchen. Das, worin wir uns als Homo sapiens entwickelt haben. Hier sind die Hände, die uns helfen, die Ohren, die uns hören, die Augen, die uns sehen und die Menschen, die unser Zuhause sind. Auch Facebook ist toll! Nutzt es! Fragt um Hilfe! Es gibt soviele Geschichten, dass plötzlich jemand mit einer Suppe oder einem Legebausatz vor der Tür steht <3. Was gehört dazu?

  • Einander vertrauen.
  • Einander um Hilfe fragen- und zwar lange bevor es zu spät ist.
  • Einander Hilfe anbieten – und sie annehmen lernen
  • Einander sehen – begrüßen und verabschieden.
  • Sich bewusst Zeit füreinander nehmen – Handy weg, Tasche abstellen, da sein.
  • Unsere Leben bewusst verzahnen – Autos teilen, Kinder abwechselnd zum Turnen, gemeinsame Wochenenden oder Urlaube.
  • Einander überraschen – eine Blume, ein Stück Kuchen…
  • Einander vertrauen – ja, vielleicht gibt es bei Max kein Bio-Essen, aber dafür bastelt der Opa tolle Sachen mit den Kindern
  • Einander verzeihen – es ist kaum möglich, über die soziale Wiese zu gehen,  ohne auch mal auf ein Gänseblümchen zu treten – macht nichts! Entschuldigen und verzeihen gehört dazu.

Und…geht das auch…in der Stadt? In der Vorstadt? Im Münchner Umland? Im Hochhaus? In Berlin-Spandau oder Bonn-Poppelsdorf? In unserem Buch Slow Family: Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern (Amazon-Partnerpink) haben Julia und ich im Kapitel „Slow Village“ im Detail erklärt, wie wir uns überall ein Zuhause schaffen können. Es fängt damit an, einander wirklich, wirklich zu begegnen, die Nachbarin wirklich mal zu fragen, wie es ihr geht, ohne dabei den Briefkasten zu leeren oder das Handy in der Hand zu halten. Oft sind es die kleinen Dinge, die jeden Tag unser Leben ein bisschen besser machen (zu mehr als ein bisschen jeden Tag haben wir ja auch oft gar nicht mehr die Kraft). Jeden Tag ein bisschen mehr Dorf kann ein ganzes Leben verändern.

Meine Termine in Österreich 2017: 

Trostberg Kulturzentrum, 10.2.2017

Salzburg Artgerecht Coach Grundkurs 10.- 12. Februar 2017

Dein Kalender 2017  – jede Woche Anregungen für achtsames Familienleben:

Der artgerecht Planer 2017 (mit dem weekview Zeitplansystem)

Links und Bücher:

Online Training gegen Stress – Online Training mit Fragebögen und Literatur

Stark und alleinerziehend: Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst
– Wie man negative Gedanken ändert – meine neue Entdeckung – von Alexandra Widmer – absolut empfehlenswert für alle, die ihr Leben in die Hand nehmen wollen

Stress für Eltern – Stress für Kinder: Stressbelastung der Eltern und kindliches Problemverhalten
– Infos rund ums Thema aus wissenschaftlicher Sicht – von Anette Nina

Achtsame Eltern, glückliche Kinder
– CD und Buch – von Lienhardt Valentin

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Meine Kinder hatten sich beschwert, dass Mama dieses Jahr schon so viel herumgefahren ist, also hatte ich gebeten, meinen Vortrag beim   Familienkongress in Graz von zu Hause aus zu machen. Ein dicker Dank an die Veranstalterinnen und die Teilnehmerinnen, dass ich digital dabei sein durfte. Dank der tollen Organisation von Beatrice und Ellaine konnte ich zum ersten Mal einen Vortrag über Skype halten  – 1000 Dank :D.

Montagsmantra: Schön, dass du da bist!

3372060910_3a9a42484b_o-web_147404_by-d_sharon_pruitt_piqs_deBei einem Vortrag in Bonn erzählte Lienhardt Valentin im Juni 2016: „Sie glauben nicht, was sich in Familien verändert, wenn Eltern ein Mal am Tag ihre Kinder anschauen und denken, fühlen oder sogar sagen: Was für ein Glück, dieses Kind zu haben!“ Er berichtete, dass die Kinder entspannter, die Eltern zufriedener und das gesamte Familienklima besser wurde.

Heidenei, dass kann ich auch! dachte ich mir. Und legte los. Seitdem gibt es in meinem Kopf ein festes Ritual das heißt: „Was ist heute toll an Dir.“ Ein Mal am Tag setze ich mich hin und denke, fühle oder – wenn es passt – sage, was an meinen Kindern einzigartig wundervoll herzzereißend liebenswert ist.

„Ich hätte Dir vorhin stundelang zusehen können, wie Du Lego gebaut hast.“ „Ich höre dich so gerne singen.“ Oder einfach nur: „Es ist so schön, dass Du in meinem Leben bist.“ Das bewusst zu denken, ist schön.

Aber es wirklich auszusprechen, ist noch unfassbar viel schöner. Es verändert alles. Alles sind noch danach noch ein bisschen fröhlicher, singender, leuchtender. Und das Verrückte ist: Solange es wirklich aus tiefstem Herzen kommt, nutzt es sich nicht ab!

Montagsmantra: Loslassen

Nasser Tag
Nasser Tag

Heute mal ein Zitat, das mich gerade sehr berührt:

„Nur wer die Vergangenheit loslässt,
hat die Hände frei für die Geschenke der Gegenwart.“

Ich möchte das noch erweitern: Nur wer seine Pläne – also die Zukunft – auch mal loslässt, hat die Hände frei für seine Kinder im Jetzt.

Und „die Zukunft“ kann ganz klein sein: Ich will jetzt aber einkaufen gehen, ich will jetzt sofort mit Yoga anfangen, ich will JETZT diesen Artikel fertig schreiben.

Loslassen – das ist gut. Das ist wichtig. Gedanken loslassen. Perfektion loslassen (nein, wir fangen NICHT jedes Pipi auf, wozu auch?!). Angst loslassen. Loslassen. Atmen. Mal schauen, was passiert.

Loslassen ist super. Wenn mich das Kind nervt oder ärgert und ich das Gefühl habe, ich MUSS jetzt aber mal eingreifen, dann hilft häufig: Loslassen. Nichts tun.

Wenn Windelfrei nicht klappt und ich das Gefühl habe, dass einfach alles danebengeht, dann hilft ebenfalls loslassen. Pausieren. Nichts tun. Später weitermachen. Ich empfehle es wärmstens allen, die gerade vom Windelfrei oder Sauberkeitstraining gestresst sind.

Es ist überhaupt ganz faszinierend, was „nichts tun“ oder „nichts sagen“ für eine Wirkung haben kann. Atmen. Loslassen. Einfach mal versuchen.

Warum es ohne Konflikte nicht geht – und was wir tun können

Warum läuft in Familien nicht immer alles glatt? Könnte es nicht so schön sein, wenn… ja wenn?

Lienhardt Valentin erklärte letztens in seinem Vortrag: Es wäre möglich, wenn nicht drei Grundbedürfnisse des Menschen drei Grundkonflikte heraufbeschwören würden.

Mir hilft es, mich in stressigen Situationen an seine Worte zu erinnern. Er sagte:

Kinder wollen

  • sich sicher fühlen
  • selbstwirksam sein
  • über sich hinaus wachsen

Das ist prima, wenn sie pünktlich nach Hause kommen (sicher sein), begeistert den Tisch decken (selbstwirksam sein) und dann noch ihr erstes Spiegelei selbst braten (über sich hinaus wachsen).

Das ist anstrengend, wenn sie absolut und auf keinen Fall in die neue Wohnugn ziehen wollen (sicher sein), vor Wut ihren Rucksack packen und zu Oma auswandern möchten (selbstwirksam sein) und dann auch noch wirklich und wahrhaftig in den dämmrigen Strassen losziehen (über sich hinaus wachsen).

Aber wenn mir klar ist, dass alles nur zwei Seiten derselben Medaille sind, hilft es mir, auch ihre Seite zu sehen. Wo Bedürfnisse sind, entstehen Konflikte. Das ist das Leben.

Und es gibt ja noch viel mehr Bedürfnisse als nur diese drei. Und zack! – wird klar, warum da auch immer eine Menge Konflikte lauern. Reibung…erzeugt Wärme.

Montagsmantra: Tu es einfach :).

Manche Dinge muss man einfach TUN.


In den USA habe ich mal eine Postkarte gekauft mit dem Text: Du kannst ein Feld nicht pflügen, wenn Du es nur im Geiste hin- und herwendest („You cannot plough a field by turning it over in your mind.“).

Manchmal stehen wir vor Aufgaben und grübeln und wollen es PERFEKT machen – und machen es dann gar nicht.

Ich hab mir zur Regel gemacht: Perfekt ist nicht nötig. Mit 20 Prozent meiner Arbeit erreiche ich 80 der Effekte. Die restlichen 20 Prozent zu erreichen, muss ich unverhältnismäßig viel tun! Dahinter steht das Pareto-Prinzip: Mit 20 % des Aufwandes erreichen wir 80% der Effekte.

Beispiele:

– Besuch kommt! Schnell aufräumen und Saugen – 80% Effekt. Man kann noch wischen und staubwischen, dann ist es perfekt, aber das sieht doch eh keiner .

– 6-Monats-Baby regelmäßig nach Essen und Schlafen abhalten – 80% der Windeln trocken. Jetzt kann man noch versuchen, zwischendrin ständig abzuhalten, um ALLE Windeln trocken zu halten, aber was für ein Aufwand!

Für mich führt 80/20 zu dem Mut, vieles einfach mal zu tun.

Und so fängt sich auch windelfrei viel einfacher an: einfach mal versuchen. Einfach mal machen. Und dann weitersehen. Es muss nicht 100% windelfrei sein. Un-Perfekt ist völlig ausreichend! Pflüge dein Feld. Just do it.

Warum die Kinder streiten, wenn wir hetzen

AMSEEWenn ich gestresst bin, denke ich oft: Könnten sich nicht wenigstens die Kinder jetzt vernünftig benehmen? Muss das sonst so ruhige Baby immer weinen, wenn ich Zeitdruck habe? Muss das Kleinkind jetzt auch noch quengeln, wo gerade alles schief läuft?

Ich könnte es besser wissen. Wissenschaftler nennen das Phänomen „emotionale Übertragung“: Die inneren Zustände der Menschen um uns herum haben eine direkte Wirkung auf unseren eigenen inneren Zustand. Bei Kindern ist das noch extremer. Oft sagen wir in der Beratung, dass das Kind die Zustände der Erwachsenen „spiegelt“ oder „ausagiert“.

Wir Großen sind gestresst, aber nach außen hin vielleicht oberflächlich ruhig? Kinder täuschen wir so nicht. Sie spiegeln unseren inneren Stress – nicht das, was wir nach außen darstellen wollen.

Das kann sehr unangenehm sein, wenn ich gar nicht wahrhaben will, wie es mir geht. Das kann aber auch sehr heilsam sein, weil ich nur meine Kinder ansehen muss, um zu wissen, ob ich wirklich so cool bin, wie ich gerade vor mir selbst tue.

Es hängt also immer an uns? Ja, blöderweise, das tut es. Was bleibt? Selbstfürsorge. Sorgen wir für uns. Dann geht es auch den Kindern gut.