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Pampers gibt Erziehungstipps – rechtswidrig und grausam

lonely-604086_1280„Kinder im Stress brauchen kein Time-Out, sie brauchen allenfalls ein Time-In – einen Rückzug aus einer für sie belastenden Situation MIT einer Bezugsperson, die ihnen hilft, ihre starken Gefühle zu regulieren, die für sie da ist und ihnen Sicherheit gibt.“

Pampers gibt Erziehungstipps – aus Artgerecht-Perspektive ist dazu zu sagen: Was da empfohlen wird ist nicht nur grausam, es ist schlicht rechtswidrig und gesundheitsschädlich.

Pampers empfiehlt „leicht Form der Isolation“ als Erziehungmethode

Die Website ist schon aus dem Netz genommen, aber hier ist sie – hoffentlich noch immer im Cache „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“ und ansonsten ist hier ein PDF: Pampers über Auszeiten.

Aida S. de Rodriguez hat auf Elternmorphose bereits einen Artikel zur Grausamkeit dieser Empfehlungen veröffentlicht.
Herbert Renz Polster hat auf dem Kinder-verstehen-Blog ebenfalls Stellung bezogen: „Pampers erzieht jetzt mit“.

Der Artikel empfiehlt „Auszeit“ als Erziehungsmethode und beschreibt sie so: „Während der Auszeit findet keinerlei Kommunikation zwischen dem Elternteil bzw. der Aufsichtsperson und dem Kindstatt. Die Auszeit ist als eine abgeschwächte Form von Isolation zu verstehen.“

Pampers‘ Isolation von Kindern ist grausam – und gesetzwidrig

Kinder zu isolieren ist nicht nur grausam, menschenverachtend und keinen Kind zumutbar – es ist auch meiner Auffassung nach schlicht rechtswidrig: Im §1631 BGB „Inhalt und Grenzen der Personensorge“ steht klar und deutlich:
„(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Soziale Ausgrenzung ist für das Gehirn wie eine körperliche Bestrafung: Sie tut weh. Neurophysiologisch gesprochen: Sie aktiviert die gleichen Gehirnregionen. Im Spiegel-Artikel „Ausgrenzung tut weh“ nachzulesen. Warum reagiert unser System so „panisch“? Weil soziale Ausgrenzung als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wird – besonders bei Kindern hinterlässt sie massive Schäden (hier ein ZEIT-Artikel dazu). Natürlich geht es in den Studien dazu um „lange“ Isolation und nicht „ab und zu eine kleine Auszeit“. Aber mal ehrlich: Ich schlage mein Kind auch nicht „ab und zu“, nur weil es dazu keine Studien gibt, was das anrichtet, sondern nur Studien zu dauerhafter Misshandlung.

Soziale Ausgrenzung hilft nicht gegen Aggression – sie führt zu Aggression

Außerdem führt soziale Isolation oder Ausgrenzung ihrerseits zu – genau: Aggression. Ein interessantes – wenn auch für mich nicht uneingeschränkt zu übernehmendes – Buch zum Thema: „Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“, in dem Autor Joachim Bauer die These aufstellt, dass aggressives Verhalten immer eine Reaktion auf gefühlte Benachteiligung und Ausgrenzung ist.

Kinder brauchen Time-In -nicht Time-Out!

Karl Heinz Brisch hat auf einer Konferenz der WAIMH in Leipzig gesagt: „Die Kinder brauchen kein Time-Out, sie brauchen ein Time-In – einen Rückzug aus der Situation MIT einer Bezugsperson, die ihnen hilft, ihre starken Gefühle zu regulieren, die für sie da ist und ihnen Sicherheit gibt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

7 Schritte zurück ins Dorf – So gehts! – Familienkongress in Graz 2016

Nicola Schmidt - Familienkongress Graz - Artgerecht Babybuch
Ein Glas Wasser vor der Konferenz – meine erste Skype-Übertragung *aufgeregt*

Wir müssen zum Turnen, der Autoschlüssel ist nicht aufzufinden, das große Kind muss nochmal aufs Klo, das Kleine räumt gerade das Schuhregal aus, ich stolpere über einen Haufen Schleich-Pferde und wo zum Himmel ist mein Portemonnaie?! Als wir endlich entnervt beim Auto ankommen, grüßt ein Nachbar „Na, Sie haben ja auch immer frei?“ ARGH.

 

Unser Skype-Setting - so sah es bei mir aus
Unser Skype-Setting – so sah es bei mir aus

Nein, wir haben nicht „immer frei“.

Auch wenn wir nicht arbeiten, Familienmanager zu sein ist ein Vollzeitjob! Und ich wünsche mir so sehr, dass immer mehr Familien sich wieder zusammen tun, um Kinder gemeinsam großzuziehen. Es macht so vieles leichter.

Denn soviel Stress ist ungesund – im Vortrag erzähle ich genau, warum das so schädlich ist. Wir sehen dann nicht mehr, dass der Schlüssel direkt vor uns auf der Kommode liegt, dass es doch toll ist, dass das große Kind so zuverlässig Bescheid sagt und dass das Kleine gerade eine wichtiger Forschungsarbeit erledigt. Wir sind einfach nur gestresst. Und das schadet uns, unseren Kindern, unseren Familien – unserer Gesellschaft.

Als ich mit meinen Kindern einen Monat lang in einer Jäger- und Sammler-Simulation in Schweden „lebte“, stellte ich eines Tages fest: Wenn jetzt die anderen von ihrer Feuerholz-Suche nicht mehr nach Hause kommen, würden wir keine Woche hier überleben können. Sie kamen an dem Abend alle, aber ich hatte etwas Wichtiges gelernt: Alleine mit Kind oder Kindern wäre in den

Meine Karteikarten - werde ich die ALLE brauchen...?
Meine Karteikarten – werde ich die ALLE brauchen…?

vergangenen 120.000 Jahren immer eine Notsituation gewesen. Und so fühlt es sich für viele Familien auch an. Da beschloss ich: Das müssen Familien wissen! Eure Erschöpfung ist echt! Ihr habt nicht „immer frei“, weil ihr nicht arbeitet, es ist wirklich anstrengend! Und ich wünsche mir so sehr, dass immer mehr Familien sich wieder zusammen tun, um Kinder wieder gemeinsam großzuziehen.

Sieben Schritte zurück ins Dorf – Facebook, München, New York!

In meinem Buch artgerecht – Das andere Baby-Buch (Amazon -Partnerlink)

Familienkongress 2016 - so sahen es die Teilnehmer
Familienkongress 2016 – so sahen es die Teilnehmer

erkläre ich deshalb, wie wir sieben Schritte zurück ins Dorf gehen können. Denn das Dorf ist das, was wir brauchen. Das, worin wir uns als Homo sapiens entwickelt haben. Hier sind die Hände, die uns helfen, die Ohren, die uns hören, die Augen, die uns sehen und die Menschen, die unser Zuhause sind. Auch Facebook ist toll! Nutzt es! Fragt um Hilfe! Es gibt soviele Geschichten, dass plötzlich jemand mit einer Suppe oder einem Legebausatz vor der Tür steht <3. Was gehört dazu?

  • Einander vertrauen.
  • Einander um Hilfe fragen- und zwar lange bevor es zu spät ist.
  • Einander Hilfe anbieten – und sie annehmen lernen
  • Einander sehen – begrüßen und verabschieden.
  • Sich bewusst Zeit füreinander nehmen – Handy weg, Tasche abstellen, da sein.
  • Unsere Leben bewusst verzahnen – Autos teilen, Kinder abwechselnd zum Turnen, gemeinsame Wochenenden oder Urlaube.
  • Einander überraschen – eine Blume, ein Stück Kuchen…
  • Einander vertrauen – ja, vielleicht gibt es bei Max kein Bio-Essen, aber dafür bastelt der Opa tolle Sachen mit den Kindern
  • Einander verzeihen – es ist kaum möglich, über die soziale Wiese zu gehen,  ohne auch mal auf ein Gänseblümchen zu treten – macht nichts! Entschuldigen und verzeihen gehört dazu.

Und…geht das auch…in der Stadt? In der Vorstadt? Im Münchner Umland? Im Hochhaus? In Berlin-Spandau oder Bonn-Poppelsdorf? In unserem Buch Slow Family: Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern (Amazon-Partnerpink) haben Julia und ich im Kapitel „Slow Village“ im Detail erklärt, wie wir uns überall ein Zuhause schaffen können. Es fängt damit an, einander wirklich, wirklich zu begegnen, die Nachbarin wirklich mal zu fragen, wie es ihr geht, ohne dabei den Briefkasten zu leeren oder das Handy in der Hand zu halten. Oft sind es die kleinen Dinge, die jeden Tag unser Leben ein bisschen besser machen (zu mehr als ein bisschen jeden Tag haben wir ja auch oft gar nicht mehr die Kraft). Jeden Tag ein bisschen mehr Dorf kann ein ganzes Leben verändern.

Meine Termine in Österreich 2017: 

Trostberg Kulturzentrum, 10.2.2017

Salzburg Artgerecht Coach Grundkurs 10.- 12. Februar 2017

Dein Kalender 2017  – jede Woche Anregungen für achtsames Familienleben:

Der artgerecht Planer 2017 (mit dem weekview Zeitplansystem)

Links und Bücher:

Online Training gegen Stress – Online Training mit Fragebögen und Literatur

Stark und alleinerziehend: Wie du der Erschöpfung entkommst und mutig neue Wege gehst
– Wie man negative Gedanken ändert – meine neue Entdeckung – von Alexandra Widmer – absolut empfehlenswert für alle, die ihr Leben in die Hand nehmen wollen

Stress für Eltern – Stress für Kinder: Stressbelastung der Eltern und kindliches Problemverhalten
– Infos rund ums Thema aus wissenschaftlicher Sicht – von Anette Nina

Achtsame Eltern, glückliche Kinder
– CD und Buch – von Lienhardt Valentin

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Meine Kinder hatten sich beschwert, dass Mama dieses Jahr schon so viel herumgefahren ist, also hatte ich gebeten, meinen Vortrag beim   Familienkongress in Graz von zu Hause aus zu machen. Ein dicker Dank an die Veranstalterinnen und die Teilnehmerinnen, dass ich digital dabei sein durfte. Dank der tollen Organisation von Beatrice und Ellaine konnte ich zum ersten Mal einen Vortrag über Skype halten  – 1000 Dank :D.

Montagsmantra: Schön, dass du da bist!

3372060910_3a9a42484b_o-web_147404_by-d_sharon_pruitt_piqs_deBei einem Vortrag in Bonn erzählte Lienhardt Valentin im Juni 2016: „Sie glauben nicht, was sich in Familien verändert, wenn Eltern ein Mal am Tag ihre Kinder anschauen und denken, fühlen oder sogar sagen: Was für ein Glück, dieses Kind zu haben!“ Er berichtete, dass die Kinder entspannter, die Eltern zufriedener und das gesamte Familienklima besser wurde.

Heidenei, dass kann ich auch! dachte ich mir. Und legte los. Seitdem gibt es in meinem Kopf ein festes Ritual das heißt: „Was ist heute toll an Dir.“ Ein Mal am Tag setze ich mich hin und denke, fühle oder – wenn es passt – sage, was an meinen Kindern einzigartig wundervoll herzzereißend liebenswert ist.

„Ich hätte Dir vorhin stundelang zusehen können, wie Du Lego gebaut hast.“ „Ich höre dich so gerne singen.“ Oder einfach nur: „Es ist so schön, dass Du in meinem Leben bist.“ Das bewusst zu denken, ist schön.

Aber es wirklich auszusprechen, ist noch unfassbar viel schöner. Es verändert alles. Alles sind noch danach noch ein bisschen fröhlicher, singender, leuchtender. Und das Verrückte ist: Solange es wirklich aus tiefstem Herzen kommt, nutzt es sich nicht ab!

Montagsmantra: Loslassen

Nasser Tag
Nasser Tag

Heute mal ein Zitat, das mich gerade sehr berührt:

„Nur wer die Vergangenheit loslässt,
hat die Hände frei für die Geschenke der Gegenwart.“

Ich möchte das noch erweitern: Nur wer seine Pläne – also die Zukunft – auch mal loslässt, hat die Hände frei für seine Kinder im Jetzt.

Und „die Zukunft“ kann ganz klein sein: Ich will jetzt aber einkaufen gehen, ich will jetzt sofort mit Yoga anfangen, ich will JETZT diesen Artikel fertig schreiben.

Loslassen – das ist gut. Das ist wichtig. Gedanken loslassen. Perfektion loslassen (nein, wir fangen NICHT jedes Pipi auf, wozu auch?!). Angst loslassen. Loslassen. Atmen. Mal schauen, was passiert.

Loslassen ist super. Wenn mich das Kind nervt oder ärgert und ich das Gefühl habe, ich MUSS jetzt aber mal eingreifen, dann hilft häufig: Loslassen. Nichts tun.

Wenn Windelfrei nicht klappt und ich das Gefühl habe, dass einfach alles danebengeht, dann hilft ebenfalls loslassen. Pausieren. Nichts tun. Später weitermachen. Ich empfehle es wärmstens allen, die gerade vom Windelfrei oder Sauberkeitstraining gestresst sind.

Es ist überhaupt ganz faszinierend, was „nichts tun“ oder „nichts sagen“ für eine Wirkung haben kann. Atmen. Loslassen. Einfach mal versuchen.

Warum es ohne Konflikte nicht geht – und was wir tun können

Warum läuft in Familien nicht immer alles glatt? Könnte es nicht so schön sein, wenn… ja wenn?

Lienhardt Valentin erklärte letztens in seinem Vortrag: Es wäre möglich, wenn nicht drei Grundbedürfnisse des Menschen drei Grundkonflikte heraufbeschwören würden.

Mir hilft es, mich in stressigen Situationen an seine Worte zu erinnern. Er sagte:

Kinder wollen

  • sich sicher fühlen
  • selbstwirksam sein
  • über sich hinaus wachsen

Das ist prima, wenn sie pünktlich nach Hause kommen (sicher sein), begeistert den Tisch decken (selbstwirksam sein) und dann noch ihr erstes Spiegelei selbst braten (über sich hinaus wachsen).

Das ist anstrengend, wenn sie absolut und auf keinen Fall in die neue Wohnugn ziehen wollen (sicher sein), vor Wut ihren Rucksack packen und zu Oma auswandern möchten (selbstwirksam sein) und dann auch noch wirklich und wahrhaftig in den dämmrigen Strassen losziehen (über sich hinaus wachsen).

Aber wenn mir klar ist, dass alles nur zwei Seiten derselben Medaille sind, hilft es mir, auch ihre Seite zu sehen. Wo Bedürfnisse sind, entstehen Konflikte. Das ist das Leben.

Und es gibt ja noch viel mehr Bedürfnisse als nur diese drei. Und zack! – wird klar, warum da auch immer eine Menge Konflikte lauern. Reibung…erzeugt Wärme.

Montagsmantra: Tu es einfach :).

Manche Dinge muss man einfach TUN.


In den USA habe ich mal eine Postkarte gekauft mit dem Text: Du kannst ein Feld nicht pflügen, wenn Du es nur im Geiste hin- und herwendest („You cannot plough a field by turning it over in your mind.“).

Manchmal stehen wir vor Aufgaben und grübeln und wollen es PERFEKT machen – und machen es dann gar nicht.

Ich hab mir zur Regel gemacht: Perfekt ist nicht nötig. Mit 20 Prozent meiner Arbeit erreiche ich 80 der Effekte. Die restlichen 20 Prozent zu erreichen, muss ich unverhältnismäßig viel tun! Dahinter steht das Pareto-Prinzip: Mit 20 % des Aufwandes erreichen wir 80% der Effekte.

Beispiele:

– Besuch kommt! Schnell aufräumen und Saugen – 80% Effekt. Man kann noch wischen und staubwischen, dann ist es perfekt, aber das sieht doch eh keiner .

– 6-Monats-Baby regelmäßig nach Essen und Schlafen abhalten – 80% der Windeln trocken. Jetzt kann man noch versuchen, zwischendrin ständig abzuhalten, um ALLE Windeln trocken zu halten, aber was für ein Aufwand!

Für mich führt 80/20 zu dem Mut, vieles einfach mal zu tun.

Und so fängt sich auch windelfrei viel einfacher an: einfach mal versuchen. Einfach mal machen. Und dann weitersehen. Es muss nicht 100% windelfrei sein. Un-Perfekt ist völlig ausreichend! Pflüge dein Feld. Just do it.

Warum die Kinder streiten, wenn wir hetzen

AMSEEWenn ich gestresst bin, denke ich oft: Könnten sich nicht wenigstens die Kinder jetzt vernünftig benehmen? Muss das sonst so ruhige Baby immer weinen, wenn ich Zeitdruck habe? Muss das Kleinkind jetzt auch noch quengeln, wo gerade alles schief läuft?

Ich könnte es besser wissen. Wissenschaftler nennen das Phänomen „emotionale Übertragung“: Die inneren Zustände der Menschen um uns herum haben eine direkte Wirkung auf unseren eigenen inneren Zustand. Bei Kindern ist das noch extremer. Oft sagen wir in der Beratung, dass das Kind die Zustände der Erwachsenen „spiegelt“ oder „ausagiert“.

Wir Großen sind gestresst, aber nach außen hin vielleicht oberflächlich ruhig? Kinder täuschen wir so nicht. Sie spiegeln unseren inneren Stress – nicht das, was wir nach außen darstellen wollen.

Das kann sehr unangenehm sein, wenn ich gar nicht wahrhaben will, wie es mir geht. Das kann aber auch sehr heilsam sein, weil ich nur meine Kinder ansehen muss, um zu wissen, ob ich wirklich so cool bin, wie ich gerade vor mir selbst tue.

Es hängt also immer an uns? Ja, blöderweise, das tut es. Was bleibt? Selbstfürsorge. Sorgen wir für uns. Dann geht es auch den Kindern gut.

Blogparade #schule #unerzogen #artgerechtlernen #selbstbestimmt: Artgerecht Lernen – die Schule als Dorf

Unser Kind geht auf eine ganz „normale“ Schule. Die Dorfschule, auf die alle Kinder gehen. Aber ist das Artgerecht? Unsere Schule ist Teil unseres Clans – eine klare Prioritätensetzung meinerseits. Nicola Kriesel fragt im Blog „die Physik von Beziehungen“ danach, wo und wie unsere Kinder zur Schule gehen und hat mich gebeten, von uns zu erzählen, was ich im Bildungskongress-Video schon angerissen habe.

Wild sein und frei Lernen - auch in der Dorfschule?
Wild sein und frei Lernen – auch in der Dorfschule?

Welche Schule? Für mich kommt es drauf an, wie man die Prioritäten setzt. Wenn man freies Lernen als oberstes Ziel hat, ist die Dorfschule weitgehend indiskutabel. Dort findet zwar Jahrgangsübergreifend ein bisschen was statt, aber die Klassiker Hausaufgaben, Tests und Bucharbeit nach Plan sind hier deutlich vertreten.

Dennoch haben wir uns dafür entschieden. Und zwar wegen Schlaf, Selbstbestimmtheit und Spielkameraden. Artgerecht heißt nämlich für mich auch: Als Schulkind selbstständig unterwegs sein. Eine freie Schule hätte für uns bedeutet, dass wir um sechs Uhr hätten aufstehen müssen, kurz vor sieben ins Auto, eine Stunde Fahrt durch den Berufsverkehr, lauter Kinder in der Klasse, die ganz woanders wohnen, jeden Tag das Kind bringen und abholen. Selbstbestimmung? In der Schule vielleicht, den Rest muss Taxi Mama erledigen.

Unsere Dorfschule heißt für uns: Schlafen bis um sieben (oder auch später), gemütlich gegen 7:40 loszuckeln mit den Freunden aus dem Dorf, nach der Schule mit Schulkameraden den Berg wieder hochlaufen (und gerne mal eine Stunde nach Schulschluss erst ankommen), sich spontan verabreden, mal eben schnell etwas zwei Häuser weiter abholen, wenn ein Blatt in der Schule geblieben ist.

Für uns war das der wichtigere Aspekt: Der Soziale. Alle aus dem Kindergarten gehen in diese Schule, alle gehen morgens selbstständig zusammen hin und mittags zurück, die Kinder treffen sich auf dem Spielplatz, im Wald, auf den Geheimwegen am Berg. Auch das ist ein wichtiger Teil von Kindheit.

Als ich mich dafür entschied, entschied ich auch, in der Dorfschule alles dafür zu tun, um „frei“ und artgerecht zu sein. Wir betrachten die Schule als Teil unseres Clans, nicht als Gegner, und das ist sehr schön. Ich bin mir sicher, dass jede Lehrerin dort ihr Bestes gibt und das Beste für die Kinder will. Und je besser man sich kennt, desto mehr Vertrauen und Verständnis ist auch da. Also gehe ich zu den Bastelvormittagen, wann immer es geht, ich bin bei den Elternabenden dabei, übernehme Ämter, helfe bei der Organisation. Ich bin im Förderverein der Schule, helfe bei Veranstaltungen und halte engen Kontakt zu Lehrern und Direktorin. Bringe morgens das Kind immer mal wieder mit hin, halte einen kleinen Schnack mit den anderen Eltern oder Lehrern und bleibe so auf dem Laufenden und in Kontakt.

So kommt es, dass wir viele Freiheiten haben, die man vielleicht nicht sofort erwartet. Wenn mein Kind lustlos und schlapp ist, bleibt es präventiv zu Hause oder kommt später. Ich warte nicht erst, bis er krank ist. Das ist mit der Schule abgesprochen, „er konzentriert sich dann ja ohnehin nicht“, sagt die Klassenleiterin. In den ersten zwei Jahren konnte das durchaus öfter passieren und es gab nie Probleme. So hatten wir einen sehr sanften Einstieg ohne Druck.

Wenn mein Sohn keine Hausaufgaben machen kann, weil er einfach so viel Wichtigeres zu tun hat, dann laufe ich morgens kurz mit, erkläre das der Lehrerin und sie hat immer Verständnis. Meistens haben wir dann etwas anderes gemacht (er wollte ausrechnen, wie viele Sekunden er schon lebt, statt das Deutsch-Buch auszufüllen) und bringen das dann mit. Wenn in der Schule irgendetwas ist, kann mein Sohn meine Telefonnummer auswendig, geht zum freundlichen und hilfsbereiten Hausmeister und kann mich anrufen. Wenn nötig, bin ich in fünf Minuten da, um etwas zu bringen, ihn abzuholen oder einfach da zu sein. In den ersten Monaten hat das meinem Kind sehr viel Sicherheit gegeben. Und es führt zu diesem Gefühl, dass die Schule auch nur ein weiterer Ort ist, an dem unsere Familie sich eben aufhält.

Noten spielen bei uns keine Rolle. Wenn er sagt: „Im Test habe ich eine 1!“ frage ich zurück: „Hat es Spass gemacht? War etwas Neues dabei?“ Ich freue mich mit ihm, aber unsere Gespräche drehen sich sehr schnell nicht mehr um die Zahl. Wenn er bei 45 Minuten Hausaufgaben auch mal 10 Minuten aus dem Fenster schaut (in unserer Schule arbeiten die Kinder nach Zeit, nicht nach Stoff, den sie machen müssen), dann ist das so und wir beobachten zusammen die Meisen. Das ist auch lernen, finde ich.

An manchen Tagen hat er keine Lust und Schule ist doof. Das ist auch okay. Dann reden wir manchmal darüber, warum er das macht und dass Schule sicher das Beste von allen Übeln ist (nichts zu lernen ist viel gefährlicher) und dass wir es uns einfach so schön wie möglich machen.

Als Disclaimer muss ich dazu sagen, dass mein Sohn ohne dass ich groß etwas mache (außer vorlesen und begeistert in Museen gehen) Klassenbester ist. Oft muss ich schmunzeln und an die Babyzeit zurück denken: ich sage nur: „so lernt der nie sprechen/laufen/selbstständig sein, aus dem wir nie etwas!!. Er ist ein sozial gut integriertes sehr hilfsbereites, offenes, freundliches Kind. Wir bieten daher auch wenig Angriffspunkte.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass wir sehr frei sind. Vor allem nicht fremdgesteuert oder fremdbetreut. Die Lehrer gehören zu unserem Dorf, zum erweiterten Clan, wir vertrauen ihnen, sie vertrauen uns. Wir halten uns im Großen und Ganzen an die Regeln und kriegen im Gegenzug Freiheiten zugestanden, wenn wir sie brauchen. Und das Kind? Das Kind findet lernen megacool und geht gerne zur Schule. Meistens :).

Warum meine Kinder dreckig ins Bett dürfen

FullSizeRender Tobende, weinende, verzweifelte Kinder unter der Dusche abends um halb zehn -muss das sein? Es ist Sommer. Es ist warm. Auch meine Kinder spielen laaaaange draußen. Wenn ich sie dann endlich kurz vor der Dämmerung reinhole, haben sie Hunger; nach dem Essen sind sie müde.

Und dann beginnt in vielen Familien der Kampf. Tobende, weinende 2-6Jährige werden im Halbdunkel noch geduscht, es werden Haare gewaschen und Zähne geputzt – ob sie wollen oder nicht. Wenn ich das mitkriege, frage ich mich oft: Muss das sein? Wendet es eine Not? Hat das wirklich was mit Tyrannen, mit Trotzphase, mit Machtkampf zu tun? Muss ich hier Leitwolf sein und mich durchsetzen mit dem Waschlappen, abends um halb zehn?

Ich habe für mich beschlossen: Nein. Meine Kinder dürfen auch dreckig ins Bett. Wenn ich es verpasse, sie zu dem Zeitpunkt zu waschen, wenn sie noch in der Lage sind zu kooperieren, dann habe ICH es verpasst. Und dann beziehe ich im Zweifelsfall eben morgen die Betten neu. Oder ich mache nur das Nötigste sauber, was ich eben noch sauber machen darf (Hände warm abreiben? Füße in ein warmes Fußbad? Kurz mal die Marmelade vom Mundwinkel wischen?). Oder ich warte, bis sie schlafen und kratze dann sanft die gröbsten Krusten ab. Nur was was geht – der Rest eben nicht.

Ich meine – davon geht die Welt nicht unter. Vor allem geht sie davon viel weniger unter als wenn ich die Kinder mit Gewalt waschen würde. Denke ich. Hab ich noch nie getan. Aber schon oft gehört – auf Campingplätzen, in Schwimmbadduschen, in Hotelzimmern nebenan…

Wir putzen auch nicht mit Gewalt Zähne, auch dann nicht wenn die Kinder am Strand noch zwei Eis gegessen haben. Wenn ich es versäume, die Zahnbürsten einzupacken und gleich zu putzen und stattdessen nach dem Abendessen im Strandrestaurant zu Hause um halb neun abends von zwei müden Kindern Kooperation verlange, dann habe ICH es falsch geplant – denn ich war den Kindern nicht einen Schritt voraus, sondern einen hinterher. Dann putze ich eben morgen früh besonders gründlich.

Nach acht Jahren Selbstversuch (mit viiiel Sand, Erde, Wald, Harz, Eis und Matsch) kann ich sagen: Meine Kinder müssen nicht täglich baden. Wirklich nicht. Auch nicht, wenn sie dreckig sind. „Erde ist nicht gefährlich.“ schreibt Julia in unserem neuen Buch „Slow Family“. Recht hat sie!

Was ist wichtiger, saubere Füße oder Lächeln beim Einschlafen? Ich habe mich für das Lächeln entschieden.

Gleichzeitig – ihr kennt mich: Über Sicherheit diskutiere ich nicht. Baden ist optional, Zeckencheck nicht! Aber auch der ist meine Aufgabe: Entweder ich mache das so früh, dass die Kinder noch willig mitmachen. Oder ich muss ein Spiel draus machen, wenn sie eigentlich schon „drüber“ sind. Oder ich mache es „nebenbei“ beim Ausziehen-Helfen. Oder ich muss es wohl oder übel mit der Taschenlampe machen, wenn sie tief schlafen.

Kurz: Für unsere Sommer gilt, dass meine Kinder nicht die Suppe auslöffeln, die ich uns einbrocke. Wenn ich von Ihnen Kooperation verlange, dann müssen sie auch noch kooperieren können. Nach einem 12-Stunden Sommertag und üppigem Abendessen ist das nicht der Fall. Und muss es auch nicht. Und dann schaue ich meine lächelnden, Bolzplatz-Strand-Wald-Baum-Erde-Kinder mit ihren schwarzen Gesichtern und fleissigen Händen mit den braunen Fingernägeln an, wie sie da liegen und vertrauensvoll schlafen… und ich bin jedes Mal froh, dass mir das Kind wichtiger war als das Laken.

Eure Nicola

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, dass ich gleich platze? Meine Notfallliste.

 

 

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Foto: Nicola Schmidt

Was tue ich, wenn ich kurz davor bin, die Contenance zu verlieren?

Schritt Nr. 1: Ich übe Achtsamkeit in ruhigen Momenten. Niemand startet einen Marathon ohne zu trainieren und wundert sich dann, dass er nicht durchhält. Wir müssen vorher üben, damit wir es später abrufen können.

Schritt Nr. 2: Ich denke daran, dass für ein Gehirn eine eingebildete Notfallsituation genauso echt ist wie eine echte. Die Kinder kippen das Glas um, das Baby schreit, die Türklingel geht? Fühlt sich für das Gehirn wie eine absolute Notisituation an, obwohl es de facto keine ist (auch wenn es eine stressige, unangenehme, nervige Situation ist).

Schritt Nr. 3: Ich fühle meine Füße. Klingt komisch, oder? Aber das Gehirn kann nicht gleichzeitig eine Stressreaktion abfahren und die Körperwahrnehmung einschalten. Wir tricksen das System aus. Das geht auch mit Kopfrechnen, das Geschehene aufschreiben – alles Techniken, die die Stressreaktion unterbrechen.

Schritt Nr. 4: Ich falle meinem/r PartnerIn in den Arm, rufe eine Freundin an, klingel bei meiner Nachbarin. Unterstützung wirkt Wunder!

Schritt Nr. 5: Ich bin nachsichtig mit mir, wenn es nicht klappt.

Und starte wieder bei Nr.1  :).